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Lyubomir Kolarov
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Sonntag 22 März 2026 16:10
Sonntag, 22 März 2026, 16:10
Aleko Djankow
FOTO Privatarchiv
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Über die Jahre war „Radio Bulgarien“ die journalistische Heimat vieler Stimmen, die unser Land der Welt nähergebracht haben. Zu ihnen gehört auch Aleko Djankow – einer der prägenden Redakteure der deutschen Redaktion des Bulgarischen Nationalen Rundfunks. Zwischen 1993 und 2003 gehörte er zu dem Team, das täglich über Bulgarien für ein deutschsprachiges Publikum berichtete. In einem Gespräch mit Lyubomir Kolarov von Radio Bulgarien blickt Djankow auf seinen Weg zum Rundfunk, die Arbeit in der Redaktion und die Veränderungen im Journalismus zurück.
Sein Einstieg bei Radio Bulgarien kam eher zufällig zustande. Anfang 1993 lebte Djankow noch in Bonn. Bei einem Besuch in Sofia machte ihn seine damalige Freundin – heute seine Ehefrau – auf eine Stellenausschreibung in der deutschen Redaktion aufmerksam. Ohne Unterlagen, nur mit seinem Personalausweis, erschien er zum Bewerbungstest. Die Prüfung bestand aus mehreren Teilen: einer schriftlichen Übersetzung aus dem Bulgarischen ins Deutsche, einem Gespräch sowie einer Probe im Studio, bei der geprüft wurde, ob seine Stimme für das Mikrofon geeignet war.
Kurz darauf erhielt er die Zusage. Als man ihn fragte, wann er anfangen könne, antwortete er spontan: am 1. April. Viele hielten das zunächst für einen Aprilscherz. Doch Djankow kehrte nach Bonn zurück, packte seine Sachen und stand tatsächlich am 1. April 1993 vor der Tür der Redaktion.
Aleko Djankow in den 1990er Jahren
FOTO Privatarchiv
An seinen ersten Arbeitstag erinnert er als arbeitsreich, aber herzlich. Die erfahrene Kollegin Barbara Müller gab ihm gleich eine erste Aufgabe – eine Übersetzung aus dem Bulgarischen ins Deutsche. Nachdem sie den Text gelesen hatte, erklärte sie, alles sei „vollkommen in Ordnung“. Für Djankow war das der Beginn einer zehnjährigen Laufbahn beim Auslandsdienst des Bulgarischen Nationalen Rundfunks.
Die Atmosphäre in der Redaktion beschreibt er als familiär. Rund zehn Journalisten arbeiteten damals in der deutschen Redaktion. Vier erfahrene Kollegen – Barbara Müller, Petja Zonkowa, Alexander Alexandrow und Bistra Usunowa – kümmerten sich um die neuen Mitarbeiter und führten sie in die Arbeit ein. „Wir waren wie Küken unter ihren Fittichen“, erinnerte sich Djankow.
Foto aus dem Jahr 2000. Von links nach rechts: Vera Dobreva, Albena Kostowa, Georgetta Janewa, Vessela Vladkova, Rossiza Radulowa, Alexander Alexandrow, Wladimir Wladimirow (mit dem Kätzchen), Petar Georgiew, Wladimir Daskalow und ganz vorn Aleko Djankow
FOTO RADIO BULGARIEN, DEUTSCHE REDAKTION
Inhaltlich widmete er sich vor allem historischen Themen. Da er in Bonn Geschichte studiert hatte, übernahm er bald die Rubrik „Geschichtskalender“, eine wöchentliche Sendung über Ereignisse aus der bulgarischen Geschichte. Parallel dazu arbeitete er an anderen Formaten der Redaktion mit, etwa an der beliebten Sendung „Kochstudio“, in der bulgarische Gerichte und Rezepte vorgestellt wurden. Auch im „Briefkasten“ beantworteten die Redakteure Hörerfragen aus aller Welt. Ein weiteres Thema, das Djankow besonders am Herzen lag, war der Umweltschutz.
Geprägt wurde seine Arbeit auch durch die Familie. Sein Vater Krastan Djankow war ein bekannter Journalist und Übersetzer aus dem Englischen. Werke bedeutender Autoren wie John Steinbeck, Erskine Caldwell oder John Cheever verdanken ihm ihre bulgarischen Übersetzungen. Von ihm habe er vor allem die Liebe zur Sprache gelernt, sagt Aleko Djankow. Sein Vater habe stets betont, dass eine Übersetzung nicht wortwörtlich sein dürfe, sondern so klingen müsse, als sei der Text ursprünglich in der Zielsprache geschrieben worden.
Krastan Djankow (10.11.1933 - 5.03.1999)
FOTO Privatarchiv von Aleko Djankow
Als Djankow 1993 seine Arbeit begann, befand sich die Redaktion noch in einer ganz anderen technischen Welt. In allen Sprachdiensten klapperten mechanische Schreibmaschinen, Computer waren eine Seltenheit. Djankow brachte schließlich selbst einen Computer in die Redaktion – den ersten überhaupt bei Radio Bulgarien. Später trafen aus verschiedenen Ländern sogar alte Computer und elektrische Schreibmaschinen als Spenden von Hörern ein. Im Studio jedoch wurde bis 2003 noch mit Tonbändern gearbeitet.
Neben journalistischen Beiträgen gehörten auch kreative Projekte zum Programm. Die deutsche Redaktion produzierte regelmäßig eigene Hörspiele, oft für besondere Sendungen zum Jahreswechsel. Die Arbeit daran sei immer sehr unterhaltsam gewesen, erinnerte sich Djankow.
Für ihn war die Tätigkeit bei Radio Bulgarien jedoch mehr als nur ein Beruf. Schon während seiner Schul- und Studienzeit in Deutschland hatte er versucht, seinen Mitschülern und Kommilitonen Bulgarien näherzubringen. Viele hätten damals Sofia mit Bukarest verwechselt. Die Arbeit beim Rundfunk habe diese persönliche Mission fortgesetzt – nämlich Bulgarien im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.
Foto vom 16.02.2026 Von links nach rechts: Michail Dimitrow, Wladimir Wladimirow, Lyubomir Kolarov, Radoslaw Dikow, Wladimir Daskalow, Petja Zonkowa, Alexander Alexandrow, Aleko Djankow, Tanja Harisanowa und vorn Rossiza Radulowa, Newin Miljaschewa und Georgetta Janewa
FOTO RADIO BULGARIEN, DEUTSCHE REDAKTION
Zu den beruflichen Höhepunkten zählt Djankow ein Interview mit dem damaligen deutschen Außenminister Klaus Kinkel während eines Besuchs in Sofia. Trotz zahlreicher Journalisten gelang es ihm, ein kurzes exklusives Gespräch zu führen.
Der schwerste Moment seiner Laufbahn kam jedoch 2003, als er sich entschloss, Radio Bulgarien zu verlassen. Nach einem langen Konflikt im Bulgarischen Nationalen Rundfunk mit der Leitung des Senders und zunehmenden politischen Druck habe er seine Entscheidung aus Gewissensgründen getroffen. „Das war der schwerste Augenblick meines Lebens“, sagte Djankow rückblickend.
Heute arbeitet er als Redakteur in der Auslandsredaktion eines Fernsehsenders mit Schwerpunkt Landwirtschaft und moderiert dort eine wöchentliche Sendung über die Geschichte von Lebensmitteln. Außerdem übersetzt er weiterhin Bücher aus dem Deutschen.
Von links nach rechts: Georgetta Janewa, Rossiza Radulowa, Wladimir Daskalow, Wladimir Wladimirow, Vessela Vladkova, Alexander Alexandrow, Aleko Djankow und Vera Dobreva
FOTO RADIO BULGARIEN, DEUTSCHE REDAKTION
Wenn er Radio Bulgarien in einem Satz zusammenfassen müsse, sagte Aleko Djankow schlicht: „Ich liebe es!“
Das 90-jährige Jubiläum von Radio Bulgarien bezeichnet er als eine außergewöhnliche Leistung. Nur wenige Institutionen hätten eine so lange Geschichte. Dass der Sender über Jahrzehnte hinweg das Vertrauen seines Publikums bewahren konnte, sei ein Zeichen für Professionalität und journalistisches Können.
Redaktion: Georgetta Janewa