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Meisterwerke bulgarischer Musikkultur

„Meister Manol“ – wie Olga Borissowa eine Legende zum Volksliedklassiker machte

Freitag, 3 Juli 2026, 20:00

Denkmal für Meister Manol vor der Ibrahim-Pascha-Moschee in Rasgrad

Denkmal für Meister Manol vor der Ibrahim-Pascha-Moschee in Rasgrad

FOTO bg.wikipedia.org

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Die schillernde und zugleich widersprüchliche Gestalt des Meister Manol begegnet in zahlreichen Volkssagen auf dem Balkan, in Anatolien und sogar im Kaukasus. Ob es sich um eine historische Person oder um eine mythische Symbolfigur handelt, ist bis heute ungeklärt. Die Legenden erzählen jedoch von einem außergewöhnlichen Baumeister, der vor einer schicksalhaften Entscheidung steht. 

Um Meister Manol ranken sich zwei große Erzählungen: die vom Einmauern eines Menschen als Opfergabe und die von seinem versuchten Flug in die Freiheit. Beide Motive tragen eine starke Symbolik in sich – das Einmauern steht für das Opfer im Dienste der Schöpfung, der Flug für den menschlichen Freiheitsdrang. 

Das Motiv des Einmauerns geht auf einen uralten Glauben zurück: Damit ein öffentliches Bauwerk – ein Tempel, eine Brücke oder ein anderes Bauwerk – dauerhaft Bestand hat, müsse ein Mensch geopfert werden, dessen Geist fortan als Schutzpatron darüber wacht. Der Überlieferung nach ließen die Baumeister zunächst eine Öffnung im Mauerwerk frei. Wer zufällig vorbeikam, wurde hineingestoßen und eingemauert. Später genügte es, den Schatten eines Menschen symbolisch einzumauern. Man glaubte, dass derjenige, dessen Schatten geopfert worden war, langsam dahinschwinde, erkranke und schließlich sterbe. 

FOTO Pixabay

Eine der bekanntesten Legenden erzählt von drei Brüdern, die eine Brücke errichten. Doch jede Nacht reißt der Fluss das tagsüber Errichtete wieder fort. Schließlich beschließen sie, eine ihrer Frauen zu opfern. Diejenige, die als Erste mit dem Essen zur Baustelle kommt, soll eingemauert werden. Die beiden älteren Brüder warnen heimlich ihre Frauen. Der jüngste, Meister Manol, bleibt jedoch ehrlich und verschweigt seiner Frau nichts. Am nächsten Morgen erscheint sie als Erste auf der Baustelle – und wird in die Brücke eingemauert. 

Diese Tragödie wurde zum Stoff zahlreicher Volkslieder. Ob sie auf tatsächlichen alten Ritualen beruht oder symbolisch vom Preis des Schaffens und vom Konflikt zwischen Moral und vermeintlich höherem Ziel erzählt, lässt sich heute nicht mehr feststellen. 

Im Dorf Newestino bei Kjustendil lebt die Legende bis heute fort. Die Bewohner erzählen, dass Manols Frau Struma Newesta mit ihrem Säugling zur Baustelle gekommen sei und in die Kadin-Brücke – auch „Brücke der Braut“ genannt – eingemauert wurde. Die im Jahr 1470 errichtete Brücke überspannt den Fluss Struma und verbindet bis heute beide Ortsteile von Newestino. 

Kadin-Brücke in Newestino

FOTO bg.wikipedia.org

Im Dorf Newestino bei Kjustendil lebt die Legende bis heute fort. Die Bewohner erzählen, dass Manols Frau Struma Newesta mit ihrem Säugling zur Baustelle gekommen sei und in die Kadin-Brücke – auch „Brücke der Braut“ genannt – eingemauert wurde. Die im Jahr 1470 errichtete Brücke überspannt den Fluss Struma und verbindet bis heute beide Ortsteile von Newestino. 

In den 1980er Jahren wurde die Geschichte von Meister Manol durch die Interpretation der großen Solistin Olga Borissowa aus dem Volksliedensemble des Bulgarischen Nationalen Rundfunks, das später unter dem Namen „Das Mysterium der bulgarischen Stimmen“ weltberühmt wurde, zu einem der bekanntesten bulgarischen Volkslieder. In einem Interview für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk sagte sie: 

„Ich liebe dieses Lied sehr. Wenn es nicht zu vermessen klingt, würde ich sogar sagen, dass es ein Stück weit mein eigenes Lied ist. Ich hatte die Legende von der Kadin-Brücke im Dorf Newestino an der Struma gelesen. Dieser Text hat mich tief bewegt. Er war allerdings sehr lang, deshalb habe ich ihn auf drei Strophen über die eingemauerte Braut verdichtet. Alle Baumeister hatten sich vorgenommen, ihren Frauen nichts zu sagen. Sie sollten Essen bringen, und diejenige, die zuerst käme, deren Schatten würde eingemauert. Die Brücke bliebe bestehen, sie selbst aber würde sterben. Alle warnten ihre Frauen – nur Meister Manol nicht. Es gibt eine Strophe, nachdem ihr Schatten eingemauert worden ist: ‚Dein Kind weinte in der Wiege – von der Mutter nicht gestillt, vom Vater nicht gestreichelt.‘ Das ist ein unglaublich kraftvolles Lied …“ 

Skulptur der Struma-Braut in Newestino

FOTO Plamen Simeonow

Gegenüber der Brücke erinnert heute eine Skulptur der eingemauerten Struma Newesta, geschaffen vom bekannten Künstler aus Kjustendil Mite Tschudomirow, an die Legende. 

Das Lied „Meister Manol“, die musikalische Visitenkarte von Olga Borissowa, gilt bis heute als ihre eindrucksvollste und unvergesslichste Interpretation. Im Gespräch mit Radio Bulgarien erinnerte sich der bekannte Folkloreinterpret, Forscher und Journalist Daniel Spassow, ein langjähriger enger Freund der Sängerin: 

„‚Meister Manol‘ – Olga sagte selbst, sie sei gewissermaßen Mitautorin dieses Liedes. Der Text war überliefert, die Melodie empfand sie als sehr schlicht und sie bereicherte sie musikalisch. Sie liebte dieses Lied sehr. 

Nach ihrem letzten Konzert in Kjustendil kamen die Menschen mit Blumen und Geschenken auf die Bühne, während dieses Lied erklang, natürlich als Aufnahme. Ich erinnere mich noch genau: Sie sah mich an und sagte: ‚Bei meiner letzten Feier soll genau dieses Lied erklingen.‘ Mehr sagte sie nicht. Sie blickte irgendwo in die Ferne … Ich wusste sofort, welche letzte Feier sie meinte. Und genau so haben wir es gemacht. Als die Trauerfeier zu Ende war, ließen wir dieses Lied erklingen …“ 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov