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Von der Bühne in Pasardschik nach Wien – Begegnung mit Lina Gladiyska

Samstag, 29 August 2026, 15:55

Lina Gladiyska - Georgieva

Lina Gladiyska - Georgieva

FOTO Elena Karkalanowa

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Wie bewahrt man die bulgarische Sprache, wenn der Alltag Tausende Kilometer von Bulgarien entfernt stattfindet? Manchmal nicht nur mit Lehrbüchern und Unterricht, sondern mit Theater, Musik, Folklore und vor allem mit dem Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Geschichte von Lina Gladiyska-Georgieva in Wien ist genau eine solche Geschichte – ein persönlicher Weg, auf dem die Liebe zum Theater allmählich zu einem Mittel wurde, um mit Landsleuten fern der Heimat in Kontakt zu bleiben und die bulgarische Sprache und Kultur an die nächsten Generationen weiterzugeben. 

Lina kam vor fast 35 Jahren mit ihrem Mann in die österreichische Hauptstadt. Er ging damals beruflich zur Ständigen Vertretung Bulgariens bei den Vereinten Nationen. Sie war zu dieser Zeit Schauspielerin am Theater in Pasardschik und erhielt für die vierjährige Dauer seines Vertrags unbezahlten Urlaub. Eigentlich sollte der Aufenthalt nur vorübergehend sein, doch das Leben entschied anders. 

Von der Bühne in Pasardschik nach Wien – Begegnung mit Lina Gladiyska

FOTO Elena Karkalanowa

„Ich dachte, dass eine Karriere und eine Familie gleichzeitig möglich wären – dass alles parallel und erfolgreich nebeneinander laufen könnte. Aber schon bald wurde mir natürlich klar, dass beides unter bestimmten Umständen nicht problemlos miteinander vereinbar ist. Also entschied ich mich für die Familie. Aber die Liebe zum Theater blieb, und ich suchte nach Möglichkeiten, diese Flamme, dieses Feuer und den Wunsch nach künstlerischem Ausdruck am Leben zu erhalten.“ 

Eine solche Möglichkeit fand sich dort, wo ihre Tochter zur Schule ging – in der bulgarischen Schule „Hll. Kyrill und Method“ in Wien.

Von der Bühne in Pasardschik nach Wien – Begegnung mit Lina Gladiyska

FOTO bulgaren.org

„Dort begann ich mit den Kindern – ich gründete eine Theatergruppe an der bulgarischen Schule ‚Kyrill und Method‘, einer der ältesten Schulen Wiens. Und so war ich fast 30 Jahre lang jedes Jahr aktiv. Wir bereiteten ein neues Stück vor und führten es gewöhnlich am 24. Mai auf der Bühne des Wittgenstein-Hauses auf. Gleichzeitig hatte ich natürlich auch eine weitere Gruppe mit älteren Studenten. So begann eigentlich die Theaterarbeit in der Bulgarischen Kultur- und Bildungsorganisation – mit einem Studententheater. Wir hatten einen schönen Club am Schwarzenbergplatz – einen sehr schönen Ort, der bulgarisches Eigentum war. Dort bestand der Club über Jahrzehnte hinweg, und dort begann eigentlich unsere Theaterarbeit.“ 

Doch Theater ist viel mehr als nur Bühnenkunst. Es ist auch ein Mittel, um die Sprache zu bewahren, erklärt uns Lina Gladiyska:

Von der Bühne in Pasardschik nach Wien – Begegnung mit Lina Gladiyska

FOTO Elena Karkalanowa

„Durch das Lernen der Texte lernten die Kinder die Sprache viel leichter. Dazu trug auch die Bewegung mit dem Text im Raum bei, sodass sie freier mit dem bulgarischen Text umgehen konnten. Das ist tatsächlich eine der Methoden, eine Fremdsprache zu lernen.“ 

Heute gehört Lina zu den erfahrensten Mitgliedern des Bulgarischen Kultur- und Bildungsvereins „Kyrill und Method“ in Wien. Der Verein blickt auf eine 80-jährige Geschichte zurück und vereint zahlreiche kreative Gruppen, die junge Menschen mit unterschiedlichen Interessen ansprechen. Dazu gehören ein Literaturkreis, ein Jugendverein, ein Folklore-Tanzensemble, ein Chor, ein Schachclub, ein Skiclub, eine Folkloregruppe, ein Theaterstudio und ein Fotostudio. Jedes Vereinsmitglied kann eine eigene Initiative ins Leben rufen, sofern es dafür Mitstreiter findet. Das bietet jungen Menschen eine wichtige Plattform, um Erfahrungen auszutauschen und bulgarische Traditionen zu bewahren.

Was bewegt junge Menschen, die in Österreich aufgewachsen sind und in einer digitalen Welt leben, in der alles Bulgarische leicht zugänglich ist, sich an den Initiativen des bulgarischen Kultur- und Bildungsvereins in Wien zu beteiligen? 

Folklore-Ensemble „Kitka“

Folklore-Ensemble „Kitka“

FOTO bulgarischerhythmen.at

„Es ist genau dieser Wunsch, nicht zu vergessen, nicht in der Masse aufzugehen und sich nicht zu assimilieren. Einerseits gibt es die Integration, die hier notwendig ist, und andererseits diesen Funken, der sie immer wieder nach Bulgarien zurückführt. Das sind die Sprache, unsere Identität und die Traditionen – und die Folklore entwickelt sich besonders gut. Sie ist auch in unserem Verein sehr präsent, ebenso wie, soweit ich weiß, in anderen Organisationen. Es gibt zum Beispiel das Ensemble für Volkslieder und Volkstänze ‚Kitka‘, und inzwischen gibt es auch in unserem Verein ‚Kyrill und Method‘ eine Folkloregruppe. Wir haben einen Chor, und bald feiern wir sein zehnjähriges Bestehen. All diese Dinge gehen parallel mit dem Wunsch der jungen Menschen, sich auszudrücken – sich selbst zu verwirklichen. Und Gott sei Dank gibt es diese Möglichkeit. Denn in einem fremden Land drücken sie sich auf andere Weise aus – beruflich, an der Universität und in den Studentengemeinschaften in Österreich und insbesondere in Wien. Aber gleichzeitig bleibt der Wunsch nach Ausdruck in einer bulgarischen Umgebung bestehen, ebenso wie die Authentizität. So können sie ihre Authentizität am besten zum Ausdruck bringen – auf Bulgarisch und mit bulgarischen Traditionen.“

Theateraufführung mit Lina Gladiyska-Georgieva in Wien

Theateraufführung mit Lina Gladiyska-Georgieva in Wien

FOTO bulgaren.org

Für Lina ist „Weitergabe“ das Schlüsselwort für das Leben der ältesten bulgarischen Kultur- und Bildungsorganisation in Österreich. Sie ist überzeugt, dass die junge Generation nicht einfach nur übernimmt, was vor ihr geschaffen wurde, sondern es auf ihre eigene Weise weiterentwickelt. 

Unsere Landsfrau blickt inzwischen bereits auf die nächste Generation. Ihre Tochter hat ihre Ausbildung in Wien abgeschlossen, arbeitet, hat eine Familie gegründet und Lina freut sich heute über ihre Enkelkinder. Fast 35 Jahre nach jenem „Wir gehen nur für eine Weile“ ist Wien zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden. Doch als wir sie mit einem einzigen Wort fragen, was Bulgarien für sie bedeutet, kommt die Antwort ohne Zögern: „Heimat.“

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov 

Gestaltet von Lyubomir Kolarov