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Gergana Mantschewa
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Bulgarische Spuren in Argentinien
Sonja Ivanoff sammelt Geschichten bulgarischer Nachfahren in Argentinien
Sonntag 27 September 2026 16:25
Sonntag, 27 September 2026, 16:25
Sonja Ivanoff (links)
FOTO Gergana Mantschewa
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Juristin und Geschichtsdozentin an der Nationalen Universität „San Juan Bosco“ in Patagonien, einer Region im Süden Argentiniens, Expertin für Sozialpolitik und promovierte Geisteswissenschaftlerin – so lässt sich die vielseitige akademische Tätigkeit von Dr. Sonja Liliana Ivanoff kurz beschreiben. Sie wurde in Argentinien geboren, in der Stadt, in der die größte Gemeinschaft von Nachfahren bulgarischer Auswanderer in Südamerika lebt. Sie ließen sich dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nieder. Für eine Wissenschaftlerin ihres Ranges liegt es daher nahe, sich mit der Geschichte der Migration in diesen südlichsten Teil der Welt zu beschäftigen, den einst auch bulgarische Landsleute erreichten.
Auch Dr. Sonja Ivanoff hat einen bulgarischen Großvater väterlicherseits, der gemeinsam mit Dutzenden anderen Auswanderern nach Argentinien ging, um in der Erdölindustrie zu arbeiten. Und obwohl die Zeit Erinnerungen verblassen lässt, möchte Dr. Sonja Ivanoff die Verbindung zu Bulgarien nicht verlieren. Sie kehrt inzwischen auch als Forscherin und Autorin wissenschaftlicher Publikationen über die bulgarische Gemeinschaft in diesem Teil der Welt nach Bulgarien zurück.
Dr. Sonja Liliana Ivanoff im IEFEM-BAN im Mai 2026
FOTO sbj-bg.eu
Derzeit ist Dr. Sonja Ivanoff erneut in ihrer ursprünglichen Heimat. Als Stipendiatin des Nationalen Wissenschaftsprogramms „Entwicklung und Förderung der Bulgaristik im Ausland“ am Institut für Ethnologie und Folkloristik mit Ethnografischem Museum der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (IEFEM-BAN) wurde sie eingeladen, in Sofia einen Vortrag zum Thema „Erinnerung aus der Ferne: Die bulgarische Auswanderung nach Comodoro Rivadavia (Argentinien) in Familienerzählungen, auf Postkarten und Fotografien“ zu halten.
FOTO Gergana Mantschewa
Um die Dimensionen dieses Migrationsprozesses nachzuzeichnen, der sich zwischen 1906 und 1958 besonders stark entwickelte, wertet Sonja Ivanoff mündliche Berichte von Nachfahren und Verwandten der nach Argentinien ausgewanderten Bulgaren aus. Sie schöpft Informationen aus Postkarten und fotografischen Materialien, die sowohl aus den Herkunftsorten als auch aus den Regionen Argentiniens zusammengetragen wurden, in denen Nachfahren von Bulgaren leben. So setzt sie Stück für Stück das Bild der bulgarischen Auswanderung nach Südamerika zusammen.
FOTO Gergana Mantschewa
Dr. Sonja Ivanoff betonte, dass Fotos und Postkarten aus Argentinien einen wichtigen Platz im Familiengedächtnis einnehmen. Anhand dieser Dokumente konnten sich die in Bulgarien gebliebenen Verwandten ein Bild von den Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer ausgewanderten Angehörigen machen. So stieß sie beispielsweise auf eine Postkarte, auf der der Bulgare Doscho Dimitrow erzählt, dass er sich mit 17 Jahren zur Ausreise nach Argentinien entschlossen habe, nachdem sein in Rosario lebender Onkel vorübergehend nach Bulgarien zurückgekehrt war. Ein anderer Landsmann namens Boris Christow beschreibt seine Ankunft in Buenos Aires im Jahr 1926 folgendermaßen:
Comodoro Rivadavia, 1901
FOTO serargentino.com
„Ich wurde in Buenos Aires 18 Jahre alt. Ich arbeitete in Kühlhäusern. Wir waren zehn Bulgaren und hatten vor, in den Süden zu gehen und am Bau einer Eisenbahnstrecke zu arbeiten. Diese Gruppe löste sich nach und nach auf. Ich kam an einem Bahnhof an, ohne zu wissen, wo ich war und wie ich eine Fahrkarte kaufen sollte. Ich traf einige Landsleute. Aber ich schaffte es nicht, gemeinsam mit ihnen am Bahnhof auszusteigen, und stieg erst am nächsten aus. Ich ging zurück, um sie zu suchen. Ich kehrte nach Buenos Aires zurück. So kam ich nach Comodoro Rivadavia.“
Laut Dr. Sonja Ivanoff wurde die Stadt Comodoro Rivadavia 1901 gegründet, und 1907 wurde dort Erdöl entdeckt. Die ersten Bulgaren kamen gerade nach der Entdeckung der Erdölvorkommen in die Region. Damals befand sich die Stadt noch im Aufbau und es gab keinen Hafen. Die Reise von Europa nach Argentinien dauerte mehr als 25 Tage. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gingen Hunderte Bulgaren aus Popowo und den umliegenden Dörfern, darunter Sadina und Palamartsa in Nordostbulgarien, nach Comodoro Rivadavia. Dr. Sonja Ivanoff präsentierte ihren Kollegen am Ethnografischen Institut in Sofia die Ergebnisse von 50 Interviews mit Nachfahren und Verwandten dieser Menschen in Bulgarien. Bemerkenswert ist, dass diese bisher nie ihre Angehörigen oder deren Nachkommen in Argentinien besucht haben.
FOTO diariocronica.com.ar
Argentinien hat für die in Bulgarien gebliebenen Angehörigen der Auswanderer unterschiedliche Bedeutungen. Je nach ihren Erfahrungen ist das Land vor allem mit der Abwesenheit eines geliebten Menschen, der Hoffnung auf seine Rückkehr und wirtschaftlichen Aufstieg, nicht selten auch mit der Nachricht vom Tod eines Angehörigen und sehr häufig mit dem Versuch verbunden, das kulturelle Erbe in der Fremde zu bewahren, sagte Dr. Ivanoff.
FOTO Gergana Mantschewa
Bis Mitte der 1930er-Jahre überwogen unter den bulgarischen Migranten Männer, die zur Arbeit an den Erdölbohrungen gingen. Viele kehrten nach mehreren Jahren mit Ersparnissen nach Bulgarien zurück. Nach 1930 gingen einige von ihnen erneut nach Argentinien, diesmal jedoch gemeinsam mit ihren Ehefrauen und Kindern. Auf diese Weise entstand die bulgarische Gemeinschaft in dem südamerikanischen Land.
„Außerdem ist es schwierig, die Familiengeschichten zu rekonstruieren, weil wir im Laufe der Zeit den Familiennamen verlieren“, erzählt Sonja Ivanoff heute und gibt ein Beispiel aus ihrer eigenen Familiengeschichte. „Mein Großvater hieß Milan Iwanow. Er kehrte mit kaum Ersparnissen zurück, weil er es schaffte, eine Kuh zu verkaufen und so die Reise [nach Bulgarien] zu finanzieren. Das einzige Wertvolle, das er sich von seinem Ersparten kaufen konnte, war ein Radio. Mein Großvater hatte übrigens auch einen Zwillingsbruder. Er hieß Milenko. Er kehrte jedoch nach Bulgarien zurück und ließ sich in Dimitrowgrad nieder. Und jetzt, bei meinem dritten Besuch in Bulgarien, werde ich zum ersten Mal seine Urenkelin kennenlernen. Sie heißt Darina und lebt ebenfalls in Dimitrowgrad. Als ich im Jahr 2000 gemeinsam mit meinem Vater und meiner Mutter zurückkam, konnten wir einen Teil der Familie kennenlernen. Heute besteht die bulgarische Gemeinschaft in Argentinien vor allem aus Enkeln und Urenkeln der bulgarischen Auswanderer, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das Land verließen. Wir Enkel sind es, die versuchen, anhand der in unseren Familien überlieferten Erinnerungen die Familiengeschichte zu rekonstruieren.“
FOTO Gergana Mantschewa
Bereits in den ersten Jahren der Auswanderung nach Argentinien gründeten die Bulgaren ihre eigenen Gemeinschaften und Organisationen, ähnlich wie andere Einwanderergemeinschaften. Was den Landsleuten in den ersten Jahren jedoch fehlte, waren eigene Schulen und Gesundheitsdienste. „Viele dieser Männer, die allein nach Argentinien ausgewandert waren, heirateten Frauen, die keine Bulgarinnen waren. Interessant ist jedoch, dass in jedem Haushalt bulgarische Baniza zubereitet wurde“, setzte Dr. Sonja Ivanoff ihre Erzählung fort.
Die Bevölkerung von Comodoro Rivadavia beträgt heute rund 400.000 Menschen. Die bulgarische Gemeinschaft umfasst etwa 1.200 bis 1.300 Personen – vor allem die Enkel und Urenkel der aus Bulgarien eingewanderten Menschen, erzählt uns Sonja Ivanoff.
FOTO Facebook
„Charakteristisch ist, dass dies die südlichste bulgarische Gemeinschaft der Welt überhaupt ist. Die ersten Bulgaren kamen 1906 und wurden Teil der Geschichte des Aufbaus dieses Ortes. Es gibt Hinweise darauf, dass viele Bulgaren in der Landwirtschaft und Viehzucht tätig waren und nach einem geeigneten Standort für einen Hafen suchten. Auch heute sind wir Bulgaren eine sehr aktive Gemeinschaft in der Stadt. Vor allem haben wir uns beruflich erfolgreich etabliert, und jeder von uns spielt eine sichtbare Rolle in der örtlichen Gesellschaft“, berichtete Dr. Sonja Ivanoff.
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Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov