Autor
Wessela Krastewa
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„Bulgarien-Unterricht“...
Wie die Heimat Kinder der Schule „Jan Bibijan“ in Deutschland inspiriert
„Die Bildungsrouten des Bildungsministeriums sind ein enormer Anreiz für bulgarische Kinder im Ausland“, sagt Rumjana Georgiew, Direktorin der bulgarischen Schule in Münster
Samstag 16 Mai 2026 15:07
Samstag, 16 Mai 2026, 15:07
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
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Im Jahr 2026 wird ein Traum, getragen von der Liebe zur bulgarischen Sprache und der Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln, sein 15-jähriges Bestehen feiern. Hinter diesem Traum stehen die Bulgarin Rumjana Georgiew und der Deutsche mit bulgarischen Wurzeln Ulf Georgiew, dem es als Kind durch die Umstände verwehrt blieb, die Sprache seiner Vorfahren zu lernen. Die beiden lernten sich vor 25 Jahren kennen und ließen sich in Deutschland nieder. Als Ulf seine spätere Ehefrau traf, begann er Bulgarisch zu lernen und gab sich selbst ein Versprechen:
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Er sagte, dass er niemals zulassen werde, dass seine Kinder kein Bulgarisch sprechen. Das Gefühl des Verlustes, das er in sich trug, durfte nicht an unsere Kinder weitergegeben werden“, erzählte Rumjana Georgiew gegenüber Radio Bulgarien.
So gründeten sie 2011 gemeinsam mit mehreren Familien die Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster. Anfangs war alles eine private Elterninitiative mit dem Ziel, Kindern – vor allem aus gemischten Ehen – systematischen Unterricht in bulgarischer Sprache, Literatur, Geschichte und Geografie Bulgariens anzubieten.
Seit 2016 steht die Schule auf der offiziellen Liste der bulgarischen Sonntagsschulen im Ausland des Bildungsministeriums. Heute besuchen 153 Kinder die Schule – von der Vorschulgruppe „Pedja Tschowek“ bis zur 10. Klasse. Betreut werden sie von einem Team aus 13 Lehrkräften. Erste Lehrerin der Schule war Katja Gantschewa, die den Kindern seit inzwischen 15 Jahren mit großem Engagement Bulgarisch beibringt.
An der Schule gibt es zudem zwei Klassen, in denen Bulgarisch als zweite Fremdsprache mit einer speziell angepassten Methodik unterrichtet wird. „Es besteht immer die Möglichkeit, dass diese Kinder so große Fortschritte machen, dass sie nach einigen Jahren in die regulären Klassen wechseln können“, erklärt die Direktorin. Die Erfolge seien vor allem dem starken Team zu verdanken, das mit den Kindern arbeite und den Schulalltag organisiere.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Bei regelmäßigem Besuch erhalten die Schülerinnen und Schüler ein offizielles Zertifikat des bulgarischen Bildungsministeriums über den Abschluss der jeweiligen Klassenstufe in den Fächern Bulgarische Sprache und Literatur, Geografie und Geschichte Bulgariens. Zudem haben sie das Recht, nach der zehnten Klasse die Prüfung in Bulgarisch als Muttersprache abzulegen, die von den deutschen Schulbehörden organisiert wird. Die Ergebnisse fließen in die Abschlussnote der deutschen Zeugnisse ein.
Die bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ ist außerdem Prüfungszentrum des Sprachdepartments der Universität Hl. Kliment von Ochrid und bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihre Bulgarischkenntnisse nach dem Europäischen Referenzrahmen zertifizieren zu lassen. Das Zertifikat entspricht einer bulgarischen Abiturprüfung und ermöglicht sowohl ein Studium an bulgarischen Universitäten als auch Zusatzpunkte bei der Bewerbung an deutschen Hochschulen.
Großen Stellenwert haben auch außerschulische Aktivitäten. Zur Schule gehören eine Kinder-Folkloretanzgruppe und ein Kinderchor, mit denen die Schule bei zahlreichen regionalen Veranstaltungen in Münster und Umgebung auftritt.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Die Motivation – insbesondere der Eltern jüngerer Kinder – sei ein entscheidender Faktor beim Erlernen der bulgarischen Sprache, Kultur und Geschichte, erklärt Rumjana Georgiew. Besonders an einem Ort wie Münster.
„Münster ist eine Universitätsstadt mit einer großen bulgarischen Gemeinschaft, überwiegend jungen Menschen. Wir sind Teil dieser Gemeinschaft“, erzählte sie. „Es ist keine große Stadt, aber sehr schön, mit vielen Kirchen, Kultur und Geschichte. Viele Familien investieren nicht nur Zeit, sondern auch Geld, damit ihre Kinder die bulgarische Schule besuchen können – manche fahren jeden Samstag 100 Kilometer pro Strecke.“
Bei älteren Schülerinnen und Schülern müsse die Motivation jedoch von innen kommen. Das Interesse an Bulgarien dürfe nicht nur der Wunsch von Mutter und Vater sein. Genau hier setze die Inspiration an, die die Reisen im Rahmen des Nationalprogramms „Bulgarien – Bildungsrouten“ des Bildungsministeriums bieten.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Meine Motivation – besonders bei den älteren Kindern – war, dass das, was sie in den Lehrbüchern lernen, vor ihren Augen lebendig wird. Bulgarien sollte nicht nur ein abstrakter Begriff bleiben, verbunden mit Oma, Opa oder dem Meer. Für mich gehören diese Bildungsrouten und dieses nationale Programm zu den schönsten Initiativen des Bildungsministeriums für bulgarische Kinder im Ausland. Die Kinder sehen ihre Heimat nicht nur – sie erleben und fühlen sie. Solche Reisen schaffen außerdem unglaublich starke soziale Bindungen untereinander. Bulgarien ist das, was sie dort verbindet“.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
2025 unternahmen Schülerinnen und Schüler der bulgarischen Sonntagsschule „Jan Bibijan“ ihre ersten beiden Reisen im Rahmen des Programms. Die Pilotreise fand im April unter dem Motto „Der Charme der Schwarzmeerküste“ statt. Daran nahmen 20 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren sowie zwei Lehrkräfte teil.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Wir flogen nach Warna und bereisten die Region um Warna, Baltschik und Kap Emine bis hinunter nach Nessebar über Burgas. Die Reise dauerte vier Nächte, die vom Programm finanziert wurden. Die Eltern zahlten noch eine zusätzliche Nacht, damit wir das Erlebnis vollständig genießen konnten. Die ganze Stimmung war unglaublich. Alles beeindruckte die Kinder. Nach der Reise führte ich eine Umfrage durch, und alle antworteten, dass sie das Delfinarium in Warna am meisten beeindruckt habe. Viele Kinder hatten noch nie echte Delfine gesehen. All das vermittelte ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit und machte sie stolz auf ihre Verbindung zu Bulgarien“, sagte die Direktorin.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Die zweite Reise führte die Kinder im Oktober 2025 zu Orten der Bulgarischen Wiedergeburt und der nationalen Befreiungsbewegung – nach Panagjurischte, Kopriwschtiza, Kasanlak und Karlowo. Diesmal nahmen jüngere Schülerinnen und Schüler der 3. bis 7. Klasse teil. Neben historischen Sehenswürdigkeiten lernten sie dort auch, echtes Brot zu backen.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Viele dieser Kinder hatten bereits ein Jahr zuvor an einer Online-Unterrichtsstunde mit dem Nationalmuseum ‚Wassil Lewski‘ in Karlowo teilgenommen und waren von der Museumsführerin begeistert gewesen. Danach sagten viele Eltern: ‚Jetzt müssen wir nach Karlowo fahren, damit die Kinder all das auch in Wirklichkeit sehen können.‘ Genau das haben wir getan“, so Georgiew.
Die Kinder der bulgarischen Sonntagsschule „Jan Bibijan“ beteiligten sich mit großer Begeisterung auch an der Initiative von Radio Bulgarien „Bulgarien-Unterricht“ und berichteten über ihre Eindrücke aus Bulgarien.
Dalia Kamberowa erzählte vom Besuch in Karlowo, der Heimatstadt des Apostels der Freiheit:
Dalia Kamberowa
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„In Karlowo gibt es sowohl das Haus als auch das Museum von Wassil Lewski. Im Haus kann man sehen, wie er gelebt hat, und im Museum gibt es viele interessante Informationen über den Apostel. Im Hof steht ein Denkmal für Kina Kuntschewa und eine Kapelle, in der eine Haarlocke des Diakons aufbewahrt wird.“
Antonia Slatew
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Antonia Slatew zeigte sich besonders vom Rosenmuseum in Kasanlak begeistert, während Lilit Berger die jahrhundertealte Tradition der Rosenölherstellung faszinierte:
Lilit Berger
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Die Rosenernte dauert von Mitte Mai bis Mitte Juni und findet früh am Morgen statt. Die Blüten werden in Kupferdestillierapparate gelegt, wo der Dampf die ätherischen Öle extrahiert. Für ein Kilogramm Rosenöl braucht man ganze 3.000 Kilogramm Rosenblüten.“
Auch Viktor Kowatschew berichtete von seinem Besuch in der Heimatstadt des Dichters und Revolutionärs Christo Botew.
Viktor Kowatschew
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Die Altersunterschiede zwischen den beiden Gruppen hätten auch zu unterschiedlichen Erfahrungen mit „Bulgarien“ geführt, erklärte Rumjana Georgiew.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Bei den älteren Schülern entstehen auf solchen Reisen enge Freundschaften und die soziale Kommunikation wird gestärkt. Die jüngeren Kinder dagegen nehmen Orte, Geschichten und Fakten sehr intensiv visuell auf. Dieser soziale Kontakt innerhalb der bulgarischen Gemeinschaft ist unglaublich wichtig, weil die Kinder in einem vollständig deutschen Umfeld aufwachsen. Unsere Schule und solche Reisen sind das Licht in ihrer Verbindung zur Heimat, das wir bewahren müssen“, erzählte Georgiew.
Besonders bewegend sei es gewesen zu sehen, wie die Kinder selbstständig in Geschäfte gingen und auf Bulgarisch mit den Einheimischen sprachen.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
„Durch ihre Augen war die Reise ein magischer Ort voller Entdeckungen. Ihre Neugier und ihr Wunsch, mehr über Bulgarien zu erfahren, waren für mich unglaublich wichtig und bewegend. Ich hoffe, dass das Bildungsministerium solche Programme fortsetzen wird und wir Auslandsschulen weiter daran teilnehmen können, denn unsere Kinder brauchen diese Reisen sehr. Sie motivieren sie, weiter Bulgarisch zu lernen und ihre Freizeit der bulgarischen Schule zu widmen. Diese Bildungsrouten gehören zu den größten Anreizen – besonders für ältere Kinder. Wenn sie wissen, dass ihnen die Sprache hilft, neue Freunde zu finden und Geschichte zu verstehen, lernen sie mit viel größerer Motivation und Begeisterung“, sagt Rumjana Georgiew abschließend.
FOTO Bulgarische Sonntagsschule „Jan Bibijan“ in Münster
Weitere Beiträge aus der Initiative „Bulgarien-Unterricht“:
- „Bulgarien-Unterricht“: mit bulgarischen Kindern von Larnaka bis zu den Rhodopen
- „Bulgarien-Unterricht“: Wissen als Stärke für Kinder in Skopje
- „Bulgarien-Unterricht“… mit Schülern der Schule „Christo Botew“ in Bratislava
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- „Bulgarien-Unterricht“ mit der Sonntagsschule „Rajna Knjaginja“ in Burgos
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov